Geistige Welt
Menschliche Merkmale wie den aufrechten Gangg können wir recht einfach mit anderen Arten vergleichen – die Ähnlichkeiten und Unterschiede sind klar anhand des Verhaltens und äußerlich sichtbaren körperlichen Merkmalen erkennbar. Auch die Evolution dieses Merkmals in unserer Art können wir gut nachvollziehen: Schimpansen gehen manchmal aufrecht, z.B. um Nahrung zu tragen, und wir können uns gut vorstellen, dass dieses Verhalten unter savannenartigen Umweltbedinungen Vorteile für das Überleben und die Fortpflanzung bringt, und sich so durch natürliche Selektion im Verlauf vieler Generationen in einer Population ausbreiten kann.

Doch bei geistigen Fähigkeiten wird es schon schwieriger, menschliche Fähigkeiten mit den Fähigkeiten von anderen Arten zu vergleichen. Gleichzeitig sind dies Fragen, die uns oft am meisten faszinieren, v.a. wenn wir unsere nächsten Verwandten beobachten, und uns wundern – Was denken sie wohl gerade? Denken sie überhaupt? Was ist eigentlich „Denken“? Was fühlen sie? Was ist ihnen wichtig? Machen sie sich Sorgen um die Zukunft, haben sie Hoffnungen? Kommunizieren sie mit ihren Artgenossen, so wie wir Menschen miteinander kommunizieren? Reden sie über gestern und morgen, beschweren sie sich über das Verhalten von Gruppenmitgliedern, wundern sie sich über uns Menschen, schmieden sie Pläne, erzählen sie sich von ihren Erfahrungen, Vorstellungen, Gefühlen?
Wir können das Verhalten, was sich im Gehirn abspielt, nicht von außen sehen (Forscher zählen geistige Prozesse wie das Denken und Fühlen auch zu den Verhaltensweisen, d.h., etwas, das der Körper tut, nur dass wir sie eben von außen nicht sehen können). Wie können wir dann herausfinden, was andere Tierarten denken und fühlen, und ob sie z.B. ähnliche Gedanken oder Vorstellungen haben, wie wir Menschen?
Mithilfe von neueren Untersuchungsmethoden, wie die funktionelle Magnetresonanztomographie, können wir zumindest die Aktivität der Nervenzellen im Gehirn beobachten, während Lebewesen bestimmte Dinge tun – welche Hirnregionen sind wie stark aktiv, wie sind sie miteinander vernetzt? Und wie ähneln und unterscheiden sich die Gehirnaktivität von Menschen und anderen Arten, während sie ähnliche Dinge tun?
Eine andere Methode, die Wissenschaftler nutzen, um die geistigen Fähigkeiten von Menschen und anderen Arten zu vergleichen, ist die Beobachtung von Verhaltensweisen, während sie bestimmte Aufgaben erledigen. Wenn sich z.B. Schimpansen oder Kinder in einem bestimmten Alter an gestern erinnern können oder an morgen denken können, dann müssten sie in der Lage sein, eine bestimmte Aufgabe zu lösen, die diese geistige Fähigkeit erfordert – z.B. ein Werkzeug oder Nahrung für später aufheben, weil sie es dann vielleicht benötigen.
Wir können jedoch auch ohne großen Aufwand zunächst einmal selbst unseren eigenen Geist beobachten und „erforschen“: Welche unterschiedlichen Dinge tut er überhaupt? Und warum tut er diese unterschiedlichen Dinge? Welche dieser unterschiedlichen Dinge haben wir mit anderen Tieren gemeinsam, und welche nicht? Mit welchen kommen wir auf die Welt, und welche entwickeln sich erst im Laufe unseres Lebens?
Wissenschaftler haben sich verschiedene Metaphern und Analogien ausgedacht, um die verschiedenen Verhaltensweisen in unserem Kopf zu beschreiben und voneinander zu unterscheiden. Z.B.
Die Verhaltensweisen unserer geistigen Welt sind nicht immer hilfreich
Während all diese Verhaltensweisen oder Charaktere in unserer geistigen Welt ihre Funktion haben und uns dabei helfen, für unser Überleben und Wohlbefinden wichtige Handlungen auszuführen, sind sie manchmal nicht sehr nützlich. Zum Beispiel:
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Schnelles Denken kann uns verzerrte Informationen liefern, die uns nicht helfen oder zu sozialen Konflikten führen.
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Das mentale Zeitreisen kann uns immer wieder negative Erlebnisse aus der Vergangenheit erleben lassen, oder zu viel Sorgen um die (nicht-reale) Zukunft erzeugen. Es kann unser Wohlbefinden und Handeln im Hier-und-Jetzt auf eine Weise beeinflussen, die nicht hilfreich ist.
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Der Ratgeber (die innere Stimme) kann uns zu viel unnütze Ratschläge liefern oder zu viele negative Bewertungen mitteilen (über uns selbst, unser Leben, unsere Umwelt), und kann unseren „Wahrnehmer“ und „Entdecker“ (d.h. unsere Fähigkeit und Motivation, die Welt wahrzunehmen und neue Dinge auszuprobieren) zu sehr einschränken oder unterdrücken. Er kann unser Wohlbefinden und Handeln im Hier-und-Jetzt auf eine Weise beeinflussen, die nicht hilfreich ist.
„Although we humans have gained the ability to extract ourselves from the physical jungle, through language we are now recreating the danger of the jungle in our heads again and again.“
Ciarrocchi & Hayes (2018, p. 118)
"I've lived through some terrible things in my life, some of which actually happened.”
Mark Twain
Ein kurzer Film (in englisch) über die Funktion und Evolution des menschlichen Geistes. Mögliche Diskussionsfragen:
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Welche der oben aufgeführten unterschiedlichen Verhaltensweisen unseres Geistes erkennst du in diesem Video wieder? (langsames Denken, schnelles Denken, mentales Zeitreisen, Wahrnehmer, Entdecker, Ratgeber)
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Welche Funktionen erfüllen diese Prozesse unseres Geistes? Was war ihr Anpassungswert im Laufe unserer Evolutionsgeschichte?
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Warum könnten diese Anpassungen unter den heutigen (sozialen) Umweltbedingungen zu Problemen für menschliches Wohlbefinden führen? (siehe auch: Fehlanpassungen?)
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Welche Möglichkeiten seht ihr, diese negativen Folgen abzumindern? Was kann man als Individuum tun? Was können/sollten wir als Gesellschaft tun? Was kann/sollte Bildung tun?
Ein kurzer Film (in englisch) über die Metapher eines Radios für unseren „Ratgeber“. Unseren Ratgeber mehr wie ein Radio wahrzunehmen, kann uns dabei helfen, etwas flexibler auf ihn zu reagieren und seine manchmal negativen Folgen für unser Verhalten und Wohlbefinden zu reduzieren.
Eine weitere Metapher, die uns dabei helfen kann, alle die Dinge, die in unserem Körper und Geist stattfinden, auf achtsame und flexible Weise wahrzunehmen.
Stephen Hayes: The Mental Spider That Claims to Be Us. Huffington Post, 2012.
siehe auch:

Fehlanpassung
Materialien und Informationen zum Konzept der evolutionären Fehlanpassung und dessen potenzielle Rolle in Herausforderungen der nachhaltigen Entwicklung

Menschliche Evolution – Menschliche Bedürfnisse, Werte, Wohlbefinden
Unterrichtsideen und Materialien zu (Evolution von) menschlichen Bedürfnissen, Werten und Wohlbefinden

Menschliche Evolution – Symbole und Sprache
Die menschliche Sprache und unsere Fähigkeit zum symbolischen Denken gehören wohl zu den menschlichen Eigenschaften, die am schwierigsten zu untersuchen und zu verstehen sind …

Menschliche Evolution – Emotionen
Unterrichtsideen und Materialien zur Evolution von Emotionen
Literaturangaben
- Ciarrochi, J & Hayes, L. (2018). Shaping DNA (Discoverer, Noticer, and Advisor): A Contextual Behavioral Science Approach to Youth Intervention. In: Wilson, D.S. & Hayes, S.C. Evolution and Contextual Behavioral Science (S. 107-124). Oakland: Context Press.
- Hayes, L. L., & Ciarrochi, J. (2015). The Thriving Adolescent. Using Acceptance and Commitment Therapy and Positive Psychology to help teens manage emotions, achieve goals, and build connections. Oakland, CA, USA: Context Press.
- Kahneman, D. (2011). Thinking, Fast and Slow. New York: Farrar, Straus and Giroux.
- Suddendorf, T. (2006). Foresight and Evolution of the Human Mind. Science, 312, 1006–1007. https://doi.org/10.1126/science.1129217
- Osvath, M., & Gärdenfors, P. (2005). Oldowan Culture and the Evolution of Anticipatory Cognition. Lund University Cognitive Studies, 122, 1–16.